Ein geheimnisvoller Brief

Paris, 7.Juli 1860.
Samstag, 6 Uhr früh.

Du schläfst jetzt wohl noch, mein liebes Clärchen. Und ich fantasiere in Heine´schen Gedichten herum.
Hätt´ ich Siebenmeilenstiefel, / Lief ich mit der Hast des Windes / Ueber jene Bergesgipfel / Nach dem Haus des lieben Kindes. / Von dem Bettchen wo sie schlummert, / Zög ich leise die Gardinen, / Leise küßt´ ich ihre Stirne, / Leiser ihres Munds Rubinen / Und noch leiser wollt´ ich flüstern / In die kleinen Lilienohren: / Denk im Traum, daß wir uns lieben / Und daß wir uns nie verloren,
sondern bald wiedersehen werden. Ach, dabei werd´ ich so selig wie ein kleines Kind. Inzwischen ist mein Hausgeld noch nicht angekommen, mit großer Ungeduld erwart´ ich es. Gleich nach dessen ankommen schreib ich Dir und den Tag darauf bin ich fort nach Berlin.
Denn sieh, Clara, es ist schon der 7te und ich habe noch nichts für die Prüfung studiert. Ich kann nicht, in der früh bin ich etwas munterer und froher, aber dann möcht´ ich immer Dir schreiben, um 11 aber bin ich todt; traurig, geistlos. Studieren ist mir unmöglich. - Früher war Rosotti da; wenn ich zu unglücklich, ging ich zu ihm; und gar die abende brachten wir zusammen zu. Jetzt ist auch dies vorbei, er ist immer bei der Fürstin - - also muß ich zu Dir.
Ich werde riesig (glaube mir, Clara), riesig studieren, denn ich werde vor Deinen Augen studieren, vor Deinen Augen, Clärchen, hörst Du es auch ? Vor Deinen Augen ! Und wie es da prächtig gehen wird, und wie Du mir die wassertropfen von der Stirne trocknen wirst und wie Du mir dann einen wonnigen Kuß giebst und wie - - - Clärchen, höre, mach mich nicht närrisch vor glück !

12 uhr.
Rosetti war eben 2 Stunden bei mir. Die liebsten Grüsse an Euch.
Was meinen vater anbelangt, so habe ich mir eben folgendes ausgedacht:
Wenn Camp. nach unten reist, sagt er zuerst unsere beziehungen dem Vater; gleichzeitig wird die Ariesen die beruhigendste Auskunft geben; gleichzeitig spricht die Emilien von Dir; gleichzeitig übersende ich dem Vater das Zeugnis der 2ten prüfungen und mein diplome d´avoué und sage ihm meine relationen zu euch; gleichzeitig schreibst Du unter Vaters adresse einen Brief an meine Schwester, worin Du empfehlungen und dergl. an meine eltern aufgiebst; gleichzeitig schreibt Rosetti meinem Vater von seinem Aufenthalt in Berlin. Wenn bei diesem Gleichzeitigkeitsbombardement nicht alles zum besten werden soll, dann bleibt mir der verstand still; er ist mir aber bisher noch nicht still geblieben und wird es hoffentl. auch für die Zukunft nicht.
Nach allem diesem Bombardieren ist die Winterreise meiner Schwester nach Berlin sehr angebahnt.
Nicht wahr, Clärchen, das ist prächtig ? Jedenfalls bin ich Deinen eltern diese Beruhigung schuldig und ich werde sie ihnen verschaffen; und das ist besser als Dein Plan, meinen eltern allein einen offenen Brief zu schreiben, Du heldenmütiges kleines Clärchen.
Sag mal, Du kleines Lieb, warum kann ich Dir in aller ewigkeit fort schreiben ? Warum geht mir nie der Stoff aus ? - Mit Dir könnte ich riese papier zerplaudern, und stets hätte ich neues und neues was ich in Deine kleine liebe Seele versenken und Dir dort zur aufbewahrung geben möchte. Nur schöne Beiwörter kann ich Dir nicht mehr geben, alles, was Dich betrifft, ist ja in mir zum Hauptwort geworden. Und so kann ich Doch blos mehr "kleines Lieb" nennen; aber je kleiner ich die Liebe mache, desto ungeheurer wirkt sie in meinem Bewußtsein.
Nicht wahr, liebe Clara, Heine ist ein großer Frauenschönheitskenner. Und nun, weißt Du was er als die gößte Frauenschönheit aufstellt ? - "Eine süße durchsichtige Verkörperung von Sommerabendhauch, Mondschein und Nachtigallenlaut". - Wie seelig bin ich, daß ich ein anerkanntes Frauenideal zur Frau habe. Denn es paßt ja alles auf Dich. Wenn Du das Haupt beugst und das wundervolle blonde Haar Dich umschattet, ist das nicht Sommerabendhauch ? Wenn Du mit mir spazieren gehst und Deine augen gross und tief aufschlägst zu mir, flimert´s und strahlt es da nicht wie milder Mondschein ? Und wenn Du "Titchen, Titchen!" rufst, klingt es nicht - ach nein das klingt viel - viel seeliger als Nachtigallenlaut. Nur die Brust - das kann ich mir nicht nehmen lassen - die ist von einem kleinen fülligen Kanarienvogel.
Dein übermütiges Titchen
Wer schrieb diesen Brief, an wen war er gerichtet ?

See-Bad Heringsdorf / R. Scholze